Alexander Zverev hat Ben Shelton nach seinem Sieg im US-Open-Finale ausführlich gelobt und damit dennoch Kritik ausgelöst. Einige Reaktionen im Netz werteten seine Analyse als unnötigen Seitenhieb gegen Carlos Alcaraz und Frances Tiafoe, die Shelton auf dem Weg ins Endspiel bezwungen hatte. Inhaltlich beschrieb Zverev jedoch vor allem, wie vollständig das Spiel des Amerikaners inzwischen geworden ist.
Das bessere Rückhandspiel verändert Shelton
Zverev gewann das Finale in 3:33 Stunden mit 6:3, 7:6 (2), 5:7 und 6:2. Shelton hatte zuvor Stefanos Tsitsipas, Alcaraz und Tiafoe ausgeschaltet und erstmals ein Grand-Slam-Endspiel erreicht. Trotz der sechsten Niederlage im sechsten Duell erkannte Zverev einen deutlich schwierigeren Gegner.
„Ich habe gerade gegen ihn gespielt. Ich glaube, das war die beste Rückhand, die er jemals gegen mich geschlagen hat, mit der beständigsten Power; da war alles dabei“, sagte der Deutsche. Bei ihren ersten Begegnungen sei Shelton durch Aufschlag und Vorhand gefährlich gewesen, habe nach mehreren Schlägen auf dieselbe Seite aber eher einen Fehler angeboten. „Das war heute überhaupt nicht der Fall“, ergänzte Zverev.
Diese Entwicklung ist wichtiger als der verlorene Titel. Ein dominanter erster Schlag kann einen Spieler weit tragen. Für dauerhaften Erfolg bei Grand Slams braucht er jedoch eine neutrale Rallye-Seite, die Gegner nicht gezielt belasten können. Sheltons Rückhand erfüllte diese Aufgabe im Finale über weite Strecken.
Die taktische Aussage war scharf formuliert
Zverev erklärte anschließend, gegen Shelton müsse nicht jeder Ball maximal aggressiv gespielt werden. Viel Tempo auf dessen Rückhand helfe dem Amerikaner sogar. Genau darin sah er einen Fehler von Alcaraz und möglicherweise Tiafoe. Diese Formulierung wirkte auf manche Beobachter taktlos, weil sie zwei geschlagene Gegner nachträglich belehrte.
Sportlich ist der Gedanke dennoch nachvollziehbar. Zverev nahm Tempo heraus, verlängerte Ballwechsel und zwang Shelton, eigene Beschleunigung zu erzeugen. Damit vermied er den Rhythmus, den der Linkshänder gegen offensivere Gegner nutzen konnte.
Kritik verdeckt die eigentliche Botschaft
Zverevs Ton mag selbstbewusst klingen, doch seine Analyse entwertet Sheltons Lauf nicht. Im Gegenteil: Er erklärte, warum der Amerikaner inzwischen mehrere Spielpläne bestrafen kann. Das Finale wurde nicht durch einen einzelnen schwachen Schlag entschieden, sondern durch Zverevs bessere Tempokontrolle und größere Stabilität über vier Sätze.
Die Debatte sollte deshalb weniger um Etikette kreisen. Zverev lieferte eine konkrete Beschreibung des nächsten Entwicklungsschritts für Shelton: selbst dann Lösungen finden, wenn der Gegner ihm nicht die gewünschte Geschwindigkeit liefert.
