Alexander Zverev hat das US-Open-Finale gegen Ben Shelton gewonnen, ohne im ersten Moment zu erkennen, dass der letzte Ballwechsel bereits den Titel entschieden hatte. Nach seinem Viersatzsieg stellte sich der Deutsche zunächst wieder für den nächsten Punkt bereit. Erst die Reaktion seines Teams, die Anzeigetafel und der Jubel im Arthur Ashe Stadium machten ihm bewusst, dass er seinen zweiten Grand-Slam-Titel perfekt gemacht hatte.
Konzentration überlebt sogar das Matchende
Zverev setzte sich mit 6:3, 7:6 (2), 5:7 und 6:2 durch. Nach dem letzten Fehler Sheltons blieb er in seiner Routine, anstatt sofort zu Boden zu sinken oder die Arme hochzureißen. Später erklärte er, er habe den Spielstand für 5:1 gehalten. Die ungewöhnliche Reaktion passte damit zu einer Leistung, die über weite Strecken von strenger Konzentration geprägt war.
Andy Roddick staunte über die Szene. „Er hat etwas getan, von dem ich ziemlich sicher bin, dass es noch niemand getan hat. Er hat einen Grand Slam gewonnen, ohne zu wissen, dass er einen Grand Slam gewonnen hat“, sagte der frühere US-Open-Champion. Zverev habe erst nach den Rufen seiner Box nach oben geschaut. „Bist du der erste Mensch, der einfach hochschaut und erkennt, dass er einen Grand Slam gewonnen hat? Das war verrückt“, ergänzte Roddick.
Federer lieferte eine kleinere Vorlage
Ganz ohne historischen Vergleich ist der Moment nicht. Roger Federer vergaß 2014 im Halbfinale von Halle gegen Kei Nishikori ebenfalls kurzzeitig den Spielstand. Nach einem Netzfehler des Japaners kehrte Federer zunächst zur Grundlinie zurück, bevor er lachend seinen Sieg realisierte und zum Handschlag ging.
Der Unterschied liegt in der Dimension. Halle war ein Vorbereitungsturnier, Zverev stand im Finale eines Majors. Gerade deshalb wirkt seine Reaktion so außergewöhnlich: Der größte Moment des Turniers wurde für einige Sekunden von der Arbeitsroutine des nächsten Punktes verdrängt. Das Publikum verstand die Situation früher als der Champion selbst.
Ein kurioses Bild mit ernster Aussage
Die Szene wird als heiterer Nachtrag bleiben, sagt aber auch etwas über Zverevs mentale Verfassung. In früheren Grand-Slam-Finals hatte ihn die Bedeutung des Augenblicks sichtbar belastet. Diesmal hielt er den Fokus so eng, dass selbst der Sieg nicht sofort zu ihm durchdrang.
Diese Form der Konzentration darf nicht romantisiert werden; ein verlorener Spielstand kann auch problematisch sein. In New York hatte sie jedoch eine passende Pointe. Zverev löste sich erst aus dem Wettkampfmodus, als die Arbeit vollständig erledigt war.
