In Italien ist Jannik Sinner mehr als nur ein Tennisprofi – er ist ein nationales Symbol. Drei Grand-Slam-Titel in eineinhalb Jahren, zwei Davis-Cup-Triumphe in Folge und der Aufstieg zur Nummer eins der Welt haben ihn zur unumstrittenen Ikone gemacht. Für viele ist er unfehlbar, ein Held, dessen Ruf über Kritik erhaben scheint.
Mit seinem Erfolg hat er den italienischen Tennissport in eine neue Ära geführt. Neben ihm feiern auch Lorenzo Musetti, Matteo Arnaldi, Flavio Cobolli und der einstige Wimbledon-Finalist Matteo Berrettini Erfolge. Bei den Frauen zeigt Jasmine Paolini starke Leistungen, was den Gesamteindruck unterstreicht: Italien dominiert derzeit im internationalen Tennis.
Applaus mit Beigeschmack
Doch während in Rom der Jubel groß ist, sieht der Rest der Tenniswelt Sinners Rückkehr differenzierter. Nach einem positiven Dopingtest im März 2024, bei dem Clostebol – ein anaboles Steroid – nachgewiesen wurde, kehrt er nun auf den Platz zurück. Sinner erklärte, die Substanz sei durch eine vom damaligen Physiotherapeuten verwendete Salbe unbeabsichtigt in seinen Körper gelangt. Die WADA akzeptierte diese Version und sprach eine Sperre aus, die kein Grand-Slam-Turnier tangierte.
Trotz dieser Hintergründe wurde Sinner beim Presseauftritt vor dem Italian Open gefeiert. „Die Medien sollten Spieler nur für außergewöhnliche Leistungen beklatschen – nicht nach einer Dopingpause“, kritisierte ein Reporter. Diese Szene sorgte für Unverständnis, sogar unter akkreditierten Kollegen.
Auch wenn Sinner freundlich alle Fragen beantwortete – etwa im Interview mit Sky Sport Tennis, wo er über die schwierige Zeit nach dem Test sprach – wirkte er sichtlich unwohl. Die öffentliche Aufmerksamkeit scheint ihm eher unangenehm als willkommen. „Ich konzentriere mich auf mein Spiel. Alles andere liegt nicht in meiner Hand“, sagte er ruhig.
Ein Star unter Druck
Trotz allem bleibt er ein bescheidener, fast schüchterner Mensch, der sich nun mit dem wachsenden medialen Druck und der gespaltenen Wahrnehmung auseinandersetzen muss. Italiens Öffentlichkeit mag ihn feiern, doch international ist sein Comeback mit einem Schatten behaftet – und genau dieser Widerspruch steht nun im Zentrum der Diskussion um Jannik Sinner.
