Anastasia Potapova hat mit einem 6:2, 7:5 gegen Vorjahresfinalistin Amanda Anisimova das Achtelfinale der US Open erreicht. Der Erfolg entstand aus einer bewussten Abkehr von ihrem üblichen Muster. Statt jeden Ball mit maximalem Tempo zu spielen, nahm Anastasia Geschwindigkeit heraus, variierte den Spin und entzog ihrer Gegnerin damit den bevorzugten Rhythmus.
Anisimova gehört zu den Spielerinnen, die den Ball besonders früh und schnell nehmen. Ein reiner Schlagabtausch hätte ihre Stärke bedient. Anastasia wählte deshalb eine feinere Abstufung: nicht defensiv, aber um eine Nuance langsamer. Die Amerikanerin musste häufiger selbst Tempo erzeugen und verlor dadurch die klare Kontrolle über die Grundlinienduelle.
Diese Anpassung war bemerkenswert, weil Anastasia normalerweise selbst die Initiative über Wucht sucht. Der klare erste Satz bestätigte den Plan. Im engeren zweiten Durchgang hielt sie daran fest und vermied den Reflex, bei wachsendem Druck wieder ausschließlich härter zu schlagen.
Doronina kehrt in die Box zurück
In Potapovas Team ist ebenfalls Bewegung. Irina Doronina saß gegen Anisimova in der Box. Beide hatten bereits früher viele Jahre zusammengearbeitet, seit Cincinnati ist die Trainerin wieder an ihrer Seite. Potapova betonte allerdings, dass sie derzeit formal keinen festen Coach habe.
Viel gemeinsame Trainingszeit gab es noch nicht. Doronina kam in Cincinnati verspätet an, anschließend konnte Potapova wegen Rückenproblemen in Monterrey nicht antreten. Der Erfolg in New York zeigt dennoch, dass klare taktische Arbeit bereits Wirkung entfaltet.
Ihr Freund Tallon Griekspoor fehlte diesmal in der Box, weil er sich auf das Davis-Cup-Duell der Niederlande mit Kolumbien vorbereitet. Beim vorherigen Match hatte Potapova seine deutlichen Signale geschätzt. Gegen Anisimova musste das Team die Aufgaben anders verteilen.
Gegen Andreeva beginnt die Analyse neu
Im Achtelfinale trifft Potapova auf Mirra Andreeva. Das Duell gab es 2026 bereits im Finale von Linz, damals gewann Andreeva. Die erfolgreiche Anisimova-Taktik lässt sich nicht einfach übertragen, weil Andreeva Tempo, Platzierung und Spielaufbau anders verbindet.
Potapova sieht die Fähigkeit zur Anpassung als Teil ihres Reifeprozesses. Fragen nach Erfahrung beantwortete sie mit Humor: „Manche Leute tun so, als ob ich schon 30 wäre, dabei bin ich erst 24. Also fast noch ein Teenager.“
Der Satz nimmt dem Thema die Schwere, ohne den Fortschritt zu verstecken. Reife zeigt sich nicht am Alter allein, sondern an Entscheidungen unter Druck. Gegen Anisimova gewann Potapova, weil sie auf ihre stärkste natürliche Versuchung verzichtete. Gegen Andreeva muss sie erneut herausfinden, welche Version ihres Spiels die richtige ist.
