Ben Shelton polarisiert mit Emotionen und großen Gesten

by Faruk Imamovic
SHARE
Ben Shelton polarisiert mit Emotionen und großen Gesten
© Djoko_UTD/X/Fair Use

Ben Shelton steht nach seinem Fünfsatzsieg gegen Carlos Alcaraz im Halbfinale der US Open. Seine Leistung gegen die Nummer drei der Welt brachte ihm Anerkennung, sein Auftreten nach entscheidenden Punkten löste jedoch eine Debatte aus. Jubel in Richtung des Publikums, demonstrative Gesten und seine bekannte Telefonhörer-Pose werden je nach Blickwinkel als Energie oder Arroganz gelesen.

ADVERTISEMENT

Diese Polarisierung ist inzwischen Teil von Sheltons öffentlicher Wirkung. Der Amerikaner spielt nicht zurückhaltend, sondern bindet die Atmosphäre sichtbar in seine Matches ein. Vor heimischem Publikum verstärkt sich dieser Effekt, weil „USA“-Rufe und emotionale Reaktionen seine Körpersprache beantworten. Gegner können sich davon zusätzlich provoziert fühlen, Fans hingegen erleben einen Spieler, der die Bühne annimmt.

Der Trainer und Tennisbeobachter Ashley Neaves fasste die Gegenpositionen zusammen. Manche hielten Ben für „ein bisschen arrogant“. Neaves selbst erklärte dagegen: „Ich liebe Sheltons Verhalten!“

Leistung trägt die großen Gesten

Die Debatte wäre weniger relevant, wenn Shelton sportlich nicht lieferte. Gegen Alcaraz gewann er 7:6, 1:6, 3:6, 6:1, 7:6 und wurde erst der zweite Spieler, der den Spanier in einem fünften Satz besiegte. Nun erreicht er zum zweiten Mal das Halbfinale seines Heim-Grand-Slams.

Seine Entwicklung beschränkt sich nicht auf Aufschlag und Athletik. Ben hat Rückschlag und Netzspiel verbessert und kurz vor New York beim Canada Masters seinen zweiten Masters-Titel in Serie gewonnen. Diese Ergebnisse geben ihm das Recht, über einen möglichen US-Open-Triumph zu sprechen, auch wenn dafür noch zwei Siege fehlen.

ADVERTISEMENT

Neaves nannte neben Shelton auch Amanda Anisimova und Leylah Fernandez als mögliche amerikanische Titelkandidaten. Bei den Männern trägt Ben zusätzlich die historische Last einer langen Wartezeit. Seit Andy Roddick 2003 gewann kein US-Amerikaner den Einzeltitel in New York.

Freundschaft wird im Halbfinale ausgeblendet

Im Halbfinale trifft Shelton auf Frances Tiafoe. Das direkte Duell führt Shelton 3:1. Beide kennen sich gut und pflegen ein freundschaftliches Verhältnis, doch die Partie entscheidet darüber, wer die amerikanische Hoffnung ins Endspiel trägt.

Sheltons Auftreten kann dabei Vorteil und Risiko zugleich sein. Energie hilft ihm, schwierige Phasen zu überstehen und das Publikum zu mobilisieren. Übertriebene Reaktionen können Tiafoe aber ebenfalls antreiben oder Shelton von taktischer Disziplin ablenken.

Die Arroganzfrage lässt sich nicht objektiv auflösen, solange Shelton innerhalb der Regeln bleibt. Sein Verhalten ist ein Stilmerkmal, dessen Bewertung vom Betrachter abhängt. Im Halbfinale zählt daher vor allem, ob die sichtbare Selbstsicherheit erneut von Qualität begleitet wird. Ein Sieg würde die Gesten als Ausdruck eines echten Titelanwärters erscheinen lassen; eine Niederlage würde die Diskussion nicht beenden, aber den sportlichen Kontext verändern.

Ben Shelton
SHARE