Ben Shelton kann im US-Open-Finale gegen Alexander Zverev eine Serie beenden, die weit über seine eigene Karriere hinausreicht. Seit Andy Roddick 2003 hat kein US-Amerikaner den Männer-Einzelwettbewerb in New York gewonnen. John McEnroe glaubt an Shelton, verbindet seine Prognose jedoch mit einer grundsätzlichen Kritik am amerikanischen Tennissystem.
Shelton geht trotz seiner fünf Niederlagen in fünf Duellen mit Zverev mit wachsendem Selbstvertrauen in das Endspiel. Im Turnierverlauf besiegte er Carlos Alcaraz in einem Match, das erst gegen 3.30 Uhr endete. McEnroe berichtete, Shelton sei anschließend erst um 7.30 Uhr ins Bett gekommen.
Ein großer Sieg mit kleiner Reichweite
McEnroe sagte über den Erfolg gegen Alcaraz: „Ben spielte das Match seines Lebens.“ Gleichzeitig bedauerte er, dass viele Zuschauer die entscheidende Phase wegen der extrem späten Uhrzeit verpasst hätten. Für Shelton war der Sieg trotzdem der Beleg, dass er auf der größten Bühne gegen einen Spitzenspieler bestehen kann.
Der Finaleinzug hat zudem historische Bedeutung. Shelton ist der erste nicht weiße Spieler seit Arthur Ashe 1972, der das Männer-Endspiel der US Open erreicht. McEnroe sieht darin die Möglichkeit, Kinder für Tennis zu gewinnen, die bislang andere Sportarten bevorzugen.
Zugang bleibt das größere Problem
Nach McEnroes Einschätzung ist Tennis in vielen europäischen Ländern leichter zugänglich. „In unserem Land ist der Zugang, offen gesagt, ein großes Problem“, erklärte er. American Football, Basketball und teilweise Fußball zögen viele der besten Athleten an. Dazu kämen die Kosten des Tennissports.
McEnroe versucht nach eigener Aussage, über seinen Club Kindern Möglichkeiten zu geben, die sich Tennis sonst nicht leisten könnten. Der Erfolg der Williams-Schwestern habe gezeigt, welche Wirkung sichtbare Vorbilder in bislang weniger erreichten Bevölkerungsgruppen entfalten können.
Sheltons Finale kann diese strukturellen Schwierigkeiten nicht lösen. Es kann ihnen jedoch ein Gesicht geben. Ein Heimsieg würde den lange vermissten amerikanischen Champion liefern und zugleich zeigen, welche Reichweite ein Spieler mit Ausstrahlung und sportlichem Erfolg entwickeln kann.
Seine Präsenz erreicht dabei deutlich über das einzelne Ergebnis hinaus.
Für McEnroe liegt die Bedeutung deshalb nicht nur im Ergebnis gegen Zverev. Shelton spielt um einen Grand-Slam-Titel, während sein Lauf zugleich die Frage aufwirft, wie viele vergleichbare Talente dem amerikanischen Tennis durch Kosten und fehlenden Zugang verloren gehen.
