Andre Agassi sieht die Verletzungen von Jannik Sinner und Carlos Alcaraz nicht nur als Einzelfälle, sondern als Folge eines Sports, der seinen Athleten kaum eine gemeinsame Ruhephase lässt. Alcaraz verletzte sich im April in Barcelona am Handgelenk und verpasste danach Roland Garros, Wimbledon sowie mehrere Masters-Turniere in Nordamerika. Sinner pausiert wegen Knieproblemen seit fast zwei Monaten nach seinem zweiten Wimbledon-Titel in Folge.
Lange Matches sind nur ein Teil des Problems
Agassi unterschied beim Laver Cup zwischen den Anforderungen der Grand Slams und kürzeren Formaten. „Ich denke, es muss einen Unterschied zwischen dem Gewinnen von Grand Slams und anderen Turnieren geben. Man möchte nicht, dass jemand nur anderthalb Stunden lang in außergewöhnlicher Form ist und dann ein paar schwierige Matches übersteht. Natürlich möchte man auch nicht so spät fertig werden“, sagte er über die späten Spielenden bei den US Open.
Die entscheidende Belastung liegt für ihn nicht allein in der Erholung. „Es ist bedauerlich. Ich war oft in dieser Situation. Zu unserer Zeit gab es zwischen Halbfinale und Finale keinen Ruhetag; am Samstag spielte man das Halbfinale und am nächsten Tag das Finale. Das Schwierigste ist der Rhythmus, nicht die Erholung.“
Agassi sieht zudem eine körperlich veränderte Spielweise: „Die Spieler heute sind größer, stärker, sie stehen weiter hinten, sie sind größer gewachsen und haben längere Hebel. Sie spielen mit mehr Sicherheit und decken einen größeren Teil des Platzes ab. Dadurch werden die Ballwechsel zwangsläufig länger. Wir haben die Aufschlaguhr eingeführt, die die Zeit zwischen zwei Punkten verkürzt. Wir tun, was wir können, doch es bleibt Gladiatorensport. Und das gefällt mir.“
Eine Offseason würde allen eine Grenze geben
Auf die Frage nach weniger Verletzungen antwortete Agassi: „Ich denke, eine Offseason ist sinnvoll. Allerdings verletzen sich einige dieser Spieler, offen gesagt, auch deshalb, weil ihre Spielweise so gewaltsam ist. Sehen Sie sich jemanden wie Sinner an, der den Ball auf beiden Seiten mit außergewöhnlicher Kraft schlagen kann. Sehen Sie sich Alcaraz an: Er ist explosiv, er hat eine unglaubliche Geschwindigkeit, sowohl in den Beinen als auch in den Händen. Es gibt sehr empfindliche Bereiche unseres Körpers, die sich ziemlich schnell entzünden können.“
Sein Vorschlag geht deshalb über individuelles Belastungsmanagement hinaus. „Man muss damit umgehen, doch ich würde mir wünschen, dass das Tennis hin und wieder stoppt, nicht nur für die Athleten, sondern auch für die Fans. Ich glaube nicht, dass wir das ganze Jahr über Tennis sehen müssen. Ich würde mir eine Veränderung in diese Richtung wünschen.“ Damit erhielte der Kalender eine gemeinsame Ruhephase.
