Obwohl Tennis für große Spannung sorgt, kennt der Sport auch dunkle Seiten, mit denen viele Spielerinnen und Spieler nur allzu vertraut sind.
Viele Athleten – nicht nur im Tennis – beklagen sich zuletzt immer häufiger über Drohungen und Hassnachrichten, die sie täglich auf ihre Mobiltelefone erhalten.
Matteo Berrettini ist mit einem Sieg über Stan Wawrinka erfolgreich in die US Open gestartet. Nach der Partie sprach der Italiener jedoch über eine weitaus düsterere Seite des Profitennis und enthüllte, dass seine Familie im Zusammenhang mit Sportwetten mit dem Tod bedroht worden sei.
Der 30-Jährige bezwang den Schweizer Routinier mit 7:6(4), 7:6(3), 6:0 und zog in New York in die zweite Runde ein. Damit trafen die beiden bereits zum wiederholten Mal aufeinander: Schon in diesem Sommer hatte Berrettini Wawrinka in Wimbledon besiegt – in einer Partie, in der alle vier Sätze im Tiebreak entschieden wurden. Berrettini, aktuell die Nummer 43 der Welt und einst auf Rang sechs der Weltrangliste geführt, erreichte 2019 das Halbfinale der US Open und weiß daher genau, was es bedeutet, auf den größten Bühnen des Sports anzutreten.
Bei der Pressekonferenz nach seinem Sieg ging es allerdings nicht nur um Tennis. Der Italiener wurde zu Sportwetten und der neuen Partnerschaft der US Open mit dem Prognosemarkt Kalshi befragt. Seine Antwort entwickelte sich schnell zu einer der ernstesten Geschichten der ersten Turniertage.
Berrettini: Familie erhielt Morddrohungen
Berrettini erklärte, sein Bruder habe während der French Open Anfang dieses Jahres Drohnachrichten erhalten. Diese standen demnach im Zusammenhang mit den Partien des Italieners.
“I won a match and they were writing things like, ‘Matteo is so rubbish that, if you don’t tell him to lose,’ or something like that, ‘we’ll kill your family,’ or, ‘we’ll do this,’” Berrettini said.
Der erfahrene Italiener betonte, dass die Nachrichten der ATP gemeldet worden seien. Zugleich äußerte er seine Gedanken zu jüngeren Spielerinnen und Spielern, die möglicherweise noch größere Schwierigkeiten hätten, mit einer solchen Situation umzugehen.
“We’re 30 years old, we’re adults; but when I think of the girls and the younger players, receiving this sort of message can be frightening. We’re tennis players, so it’s important to protect ourselves.”
Berrettini berichtete zudem von unangenehmen Situationen, die er in der Vergangenheit rund um Tennisplätze erlebt habe – insbesondere bei Challenger-Turnieren. Dort hätten sich einige Zuschauer auf eine Weise verhalten, die nichts mit Tennis zu tun gehabt habe. Es sei schwierig, im Voraus einzuschätzen, wie sich Menschen verhalten werden. Dennoch müsse etwas unternommen werden, unterstrich der Italiener.
Seine Haltung zum Thema Sportwetten selbst ist differenzierter. Der ehemalige Wimbledon-Finalist erklärte, er habe noch nie gewettet und möge Casinos nicht. Gleichzeitig verstehe er, dass der Einsatz von Geld zum modernen Sport und zur Tennistour dazugehöre.
Nach Ansicht des Italieners können Sportwetten existieren, wenn sie angemessen kontrolliert werden. Der Schutz der Spieler müsse jedoch deutlich ernster genommen werden, sobald Wettende vom Verlust ihres Geldes dazu übergingen, Drohungen zu verschicken.
Online-Missbrauch bleibt großes Problem im Tennis
Berrettinis Erfahrung ist keineswegs ein Einzelfall. Anfang dieses Jahres sprach auch die Italienerin Lucrezia Stefanini über Morddrohungen gegen sie und ihre Familie vor einem Qualifikationsmatch in Indian Wells. Die Nachrichten standen mutmaßlich ebenfalls im Zusammenhang mit Glücksspiel.
Ein im Juli von der WTA und World Tennis veröffentlichter Bericht zeigte, dass verärgerte Wettende in der Saison 2025 für 42 Prozent der bestätigten Fälle von Online-Missbrauch und für 59 Prozent der schwerwiegendsten Angriffe verantwortlich waren.
Der Dienst Threat Matrix, der Künstliche Intelligenz mit menschlichen Analysten kombiniert, half dabei, 66 Prozent der schwerwiegenden beleidigenden Beiträge oder Kommentare zu entfernen. 35 Accounts wurden an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet. Der Bericht ergab außerdem, dass 89 Prozent der Accounts, die 2024 für schwere Übergriffe verantwortlich gewesen waren, 2025 nicht erneut in Erscheinung traten.
Auch die ATP verfügt mit Safe Sport über ein eigenes Schutzsystem. In dessen erstem Jahr wurden mehr als 3,1 Millionen Kommentare überprüft. Mehr als 162.000 Kommentare gegen 245 Spieler wurden als schwerwiegend eingestuft. Über 3300 Kommentare wurden zur weiteren Prüfung weitergeleitet, 28 Fälle an die Strafverfolgungsbehörden übergeben.
Für Berrettini ist diese Erfahrung zudem nicht völlig neu. Vor mehreren Jahren, als er seine Karriere noch aufbaute, sagte der Italiener in einem Interview, dass er nach Niederlagen regelmäßig beleidigende Nachrichten erhalte. Er erinnerte sich auch daran, wie wütend er geworden sei, als eine Person seine Freundin beleidigt habe. Angriffe gegen Menschen, die mit dem jeweiligen Match nichts zu tun hätten, seien inakzeptabel, betonte er.
Für den Italiener hat das Problem nun jedoch eine weitaus ernstere Dimension erreicht, da diesmal Mitglieder seiner Familie direkt bedroht wurden.
Der ehemalige Weltranglistensechste will seinen Fokus nun wieder auf den Court richten. In der zweiten Runde der US Open trifft Berrettini auf Mariano Navone. Der Argentinier besiegte ihn erst im vergangenen Monat in Montreal mit 6:3, 6:7(5), 6:3. Insgesamt hat der Italiener drei der vier bisherigen Duelle gewonnen. Navones jüngster Erfolg gibt ihm jedoch Grund zu der Annahme, Berrettini auch in New York erneut bezwingen zu können.
