Emma Raducanus nächster Anlauf beginnt mit einer ungewöhnlichen Frage: Wie lässt sich ein Comeback bewerten, wenn die eigene Leistungsfähigkeit noch nicht bei 100 Prozent liegt? Andre Agassi rät der Britin, ihre Arbeit nicht an Resultaten oder einem idealen Zustand zu messen. Nach einer von Verletzungen und Krankheit geprägten Saison könnte genau dieser Perspektivwechsel wichtiger sein als eine kurzfristige Prognose.
Raducanu bestritt seit ihrem Finaleinzug im Queen’s Club im Juni kein Turnier mehr. Verletzungen verhinderten ihre Starts in Wimbledon und bei den US Open. Als nächster Einsatz ist derzeit das Turnier in Wuhan am 12. Oktober vorgesehen, womit zwischen ihrem letzten Match und der geplanten Rückkehr mehrere Monate liegen.
Eine Autobiografie wird zum Gespräch
Während der Pause beschäftigte sich Raducanu mit Agassis Buch „Open“. Besonders angesprochen habe sie die Passage über seine Krise Ende der 1990er-Jahre, den selbst entwickelten Trainingsplan und den Weg zurück an die Spitze. Seine frühen Erfolge und die folgenden Tiefpunkte seien für sie in vielem nachvollziehbar gewesen.
Agassi reagierte erfreut auf diese Verbindung. Sein Ziel sei gewesen, Lesern Hoffnung und Werkzeuge zu geben, damit sie Frust nicht gegen den Tennissport richten müssten. Dass die Geschichte 17 Jahre später noch eine aktive Spielerin erreiche, bedeute ihm viel.
Voller Einsatz ist nicht dasselbe wie volle Form
Sein konkreter Rat trennt Tagesleistung von äußerem Urteil. „Ich würde sie ermutigen, sich jeden Tag darauf zu konzentrieren, die beste Version ihrer selbst zu sein, das jedoch nicht nach Ergebnissen zu beurteilen oder zu glauben, sie müsse irgendwie bei 100 Prozent sein“, sagte Agassi.
Entscheidend sei, „100 Prozent von dem zu sein, bei wie viel Prozent man gerade ist“, und darin eine eigene Identität zu finden. Für Raducanu passt dieser Gedanke zur Ausgangslage. Nach der langen Pause wäre es wenig hilfreich, Wuhan sofort als Beweis für eine vollständige Rückkehr zu behandeln. Ein einzelnes Ergebnis kann weder die verlorene Spielpraxis ersetzen noch den gesamten Zustand erklären.
Agassi verweist außerdem auf den schwer vermeidbaren Lärm um heutige Profis. Er habe früher eine Zeitung weglegen können, während junge Spielerinnen öffentlicher Bewertung heute schwerer entkommen. Raducanus Aufgabe liegt deshalb nicht nur im körperlichen Aufbau. Sie muss einen belastbaren internen Maßstab entwickeln, mit dem Fortschritt auch dann erkennbar bleibt, wenn das erste Resultat nicht dem Namen oder den Erwartungen entspricht.
