John McEnroes Begeisterung für Carlos Alcaraz richtet den Blick zugleich auf ein Problem in seiner eigenen Tennisheimat. Während er den Spanier als persönlichen Favoriten feiert, fragt er sich, weshalb die USA bei den Männern seit so langer Zeit auf einen weiteren Grand-Slam-Champion warten.
In einer spanischen Fernsehsendung erklärte McEnroe: „Carlos Alcaraz ist der Beste. Er ist mein Favorit“. Das ist zunächst ein persönliches Urteil. Interessanter wird es durch den Vergleich, den der siebenfache Major-Sieger anschließend mit der Entwicklung des amerikanischen Tennis zieht.
Ein Vorbild ist noch kein übertragbares Rezept
McEnroe lobte nicht nur Alcaraz, sondern auch die spanische Talentdichte. Rafael Jodar steht für ihn ebenfalls für den Nachwuchs, der sich in Richtung Weltspitze bewegt. Diesen Erfolg betrachtet er mit Bewunderung und mit dem Wunsch, im eigenen Land wieder einen männlichen Major-Sieger zu erleben.
Ein herausragender Spieler kann zeigen, was möglich ist. Er erklärt jedoch nicht automatisch, wie ein Verband denselben Erfolg hervorbringen kann. Zwischen der Begeisterung für ein Vorbild und einer wirksamen Ausbildung liegen viele Entscheidungen, die sich nicht allein aus dessen Spielstil ableiten lassen.
Endspiele und Titel bleiben verschiedene Hürden
„Wir haben seit 23 Jahren keinen männlichen Major-Sieger“, stellte McEnroe fest. Taylor Fritz erreichte 2024 das US-Open-Finale und verlor gegen Jannik Sinner. Ben Shelton stand im September ebenfalls im New Yorker Endspiel, unterlag jedoch Alexander Zverev.
Diese Finalteilnahmen verhindern eine allzu pauschale Diagnose. Das amerikanische Herrentennis ist nicht ohne Spieler, die bis an die letzte Stufe eines großen Turniers kommen. Die offene Frage betrifft vielmehr den Schritt vom Finalisten zum Sieger. Wer beides gleichsetzt, unterschätzt entweder die erreichten Leistungen oder die Schwierigkeit der noch fehlenden Hürde.
Alcaraz’ Rückkehr hat für McEnroe einen eigenen Wert
McEnroe freute sich außerdem darüber, dass Alcaraz nach seiner längeren Verletzungspause wieder spielt. Sein Lob richtet sich damit auch auf die Attraktivität des Wettbewerbs: Ein besonders geschätzter Spieler erweitert das sportliche Angebot, selbst wenn er die Chancen der eigenen Landsleute auf Titel nicht erhöht.
Gerade diese doppelte Perspektive macht die Aussagen interessant. McEnroe kann sich einen amerikanischen Champion wünschen und trotzdem einen Spanier am liebsten sehen. Begeisterung für Tennis muss nicht an Nationalität gebunden sein. Für die USA bleibt die Aufgabe, aus der Nähe zur Spitze einen Titelgewinn zu machen. Alcaraz liefert dafür Motivation und einen hohen Maßstab, aber keine einfache Anleitung zum Nachbauen.
